Übungsräume und ihr Schicksal

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Übungsräume und ihr Schicksal

 

Übungsräume und ihr Schicksal

Im ZAZ ist aktuell eine Ausstellung über die Bunker in der Stadt Zürich zu sehen. In diesem Rahmen wurde die Podiumsdiskussion durchgeführt. Sie hatte die Verteidigungsbauten in der ganzen Schweiz zum Gegenstand. Rund 6000 Bunker hat das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS in den letzten Jahren ausgemustert. Zusammen mit künstlichen und natürlichen Hindernissen in der Landschaft wurden sie dort errichtet, wo man die Stossrichtung möglicher feindlicher Truppen vermutete. Als Hindernisse hätten sie in der Lage sein sollen, den Vormarsch stoppen oder zumindest zu bremsen. Dazu kam es zum Glück nicht. Den Anlagen blieb der Zweck von Übungsräumen. Lag es an ihrer abschreckenden Wirkung, dass kein Angriff erfolgte? Man wird es nie wissen.

Bezüglich des Schicksals dieser Zeitzeugen herrscht eine erhebliche Ratlosigkeit. Sie sind Teil der Landschaft und Teil des Landes. Da stehen sie nun, nach Massstäben des zivilen Alltags oft an «unmöglichen» Orten, sind von ihren ursprünglichen Aufgaben entbunden und modern vor sich hin. Im Zusammenhang mit der Alpenfestung und dem Réduit entfalten sie eine mystische Wirkung, die bis heute spürbar ist. Auch an der Podiumsdiskussion, die von Werner Huber, Redaktor der Zeitschrift Hochparterre, moderiert wurde, waren emotionale – um nicht zu sagen pathetische – Voten zu hören. Für Professor Marc Angélil repräsentieren die Bunker und insbesondere das Réduit ein bestimmtes Bild der Schweiz. Als Zugezogener, Architekt und Lehrer besitzt er wohl ein besonders feines Sensorium für Manifestationen der territorialen gemeinschaftlichen Selbstbehauptung. Sie finden für ihn in den Wehrbauten ihre physische Präsenz. An diesen Anlagen als Gesamtwerk, das sich über das ganze Land erstreckt, könne man sich Inspiration holen für ein zeitgemässes nationales Projekt – und sie möglichst mit einbeziehen. Er erwähnte als Beispiel ein System von saisonalen Energiespeichern, die sich in ausrangierten Bunkern installieren liessen. Professor Angélil plädierte für Gedankenexperimente mit Fachleuten.

Dafür könne man sich ruhig Zeit lassen, meinte David Külling. Er hat die Leitung vom Natur- und Denkmalschutz bei VBS, armasuisse inne. Die Anlagen sind solide und haben «archäologische Qualitäten», versicherte er. Das Wegräumen würde meistens auch viel Geld kosten. Man ist dabei, die Anlagen zu inventarisieren und auf ihre Werte hinsichtlich Heimat- und Naturschutz zu untersuchen. Auch die Stiftung Landschaftsschutz macht sich über den Nutzen von Wehranlagen Gedanken, wie Projektleiterin Franziska Grossenbacher ausführte. Denn sie stellen häufig künstlich modellierte Landschaften dar, die Lebensräume bieten. Lasse man sie in Ruhe, entwickle sich um einstige Verteidigungsanlagen eine «starke Wildnis», was zu begrüssen ist. Franziska Grossenbacher kann sich bei Bunkern einen ähnlichen Umgang vorstellen, wie ihn ihre Stiftung bei alten, nicht mehr genutzten Ställen in den Alpen empfiehlt: stehen und in Ruhe lassen.

Jean Odermatt, Künstler und Soziologe, erzählte von der Entstehungsgeschichte der Fondazione La Claustra, einer zur Herberge umgebauten Festungsanlage im Gotthardmassiv – eine Art modernes Kloster im Fels. Er erlebte den Übergang der Bunker vom ehrfurchtvoll und misstrauisch gehüteten Geheimnis zur Ausschussimmobilie mit hohem Unterhaltsaufwand intensiv mit. In Umnutzungen sieht er klar die grosse Ausnahme. Er rät zum «Mut zur Ruine». Die abschliessende Diskussion drehte sich um die Möglichkeiten, Chancen und Modalitäten der Veräusserung. Es war zu erfahren, dass sich öffentliche Körperschaften Wehranlagen als Naturschutzgebiete aneignen. Das steht der Vision von Professor Angélil diametral entgegen. Er meinte, man solle diesen Besitzstand nicht auseinanderreissen.

ZAZ Zentrum Architektur Zürich
Höschgasse 3
8008 Zürich
Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag, 14:00 – 18:00 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

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