Selfm.aid – Ein Schweizer Hilfswerk setzt auf die Kombination von Handwerk und Sozialarbeit

Die Schweizer Non-Profit Organisation selfm.aid versteht sich als Hilfswerk der Handwerker*innen. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt Menschen in Not zu unterstützen, in dem die Betroffenen Hilfsgüter selbst herstellen. Mit diesem simplen Ansatz schlagen sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Menschen können die Abhängigkeit von Hilfeleistungen durchbrechen und wieder eine aktive Rolle übernehmen, traditionelle Handwerksberufe werden gefördert und wieder wertgeschätzt und der Einstieg in den Arbeitsmarkt wird erleichtert.
«Unsere Vision ist es, Menschen wieder in Verbindung zueinander zu bringen – produktionsketten lokal und regional zu halten und somit die Wertschätzung für Mensch, Umwelt und die Arbeit, die hinter den Produkten steht zu fördern.»
Auf der griechischen Insel Samos befindet sich das erste Projekt des jungen Schweizer Vereins, die sogenannte SKILLS FACTORY. In den Hallen einer alten Gerberei stellen geflüchtete Menschen in rund zehn verschiedenen Werkstätten all das selbst her, was sie am meisten benötigen: Kleidung, Möbel, Nahrungsmittel und noch vieles mehr. Zudem bietet die Organisation Bauarbeiten für Partnerorganisationen oder lokale Menschen an, die sich keine Baufirma leisten können.
«Handwerk hat so viele positive Aspekte», erklärt Simon Bader. Er hat das Hilfswerk 2020 zusammen mit seiner Frau Julia Minder gegründet und ist selbst gelernter Maurer und Baupolier aus Leidenschaft: «Am Ende des Tages, sieht man, was man erschaffen hat – eigenhändig. Das ist ein grossartiges Gefühl und erfüllt einem tag täglich mit Stolz. Insbesondere für die Menschen, die hier auf Samos im Flüchtlingslager gefangen sind, wirkt sich das bemerkenswert positiv auf die psychische Gesundheit aus.»
Er führt weiter aus: «Handwerk ist aber auch Kommunikation. Man kann sich verständigen, ohne zwingendermassen eine gemeinsame Sprache zu haben. Ich erkenne ohne Worte, ob jemand Erfahrung auf dem Bau hat. Die Art und Weise wie jemand schaufelt, die Werkzeuge in die Hand nimmt oder den Beton mischt. Und mein Gegenüber auch. Das schafft Respekt, Anerkennung und Motivation – ganz ohne Worte.»
«Gestern haben wir zum Beispiel betoniert. Im Flüchtlingslager gibt es seit zwei Wochen kein fliessendes Wasser mehr – ein unzumutbarer Zustand, vor allem jetzt wo es wieder heiss wird auf der griechischen Insel. Wir bauen deswegen auf Hochdruck das alte Haus im Garten zu einer Dusche um. Als der Beton angeliefert wurde, habe ich mit vier Kollegen angemischt: Aus Uganda, Mali, Mauretanien, Somalia und dann war da noch ich, aus der Schweiz. Alle haben Erfahrung auf dem Bau, alle haben es gleich gemacht und trotzdem anders. Wir haben die verschiedenen Ansätze diskutiert, ausprobiert und erkannt, dass es eben auf verschiedene Wege geht. Ohne viele Worte. Und das ist das Wunderbare am Handwerk. Es baut Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Sprachen.»
Damit die Sprache bei der Arbeitssuche aber nicht zu Hindernis wird, gibt es in der SKILLS FACTORY auch Sprachunterricht. Dieser fokussiert jedoch im Vergleich zum herkömmlichen Angebot auf das Vokabular, was bei der Arbeit wichtig ist. Das Küchenteam lernt Gemüse, Früchte und Utensilien, das Bauteam eben Hammer, Leiter, Schrauben usw.
Dinge selbst herzustellen ist nicht nur einfach ein gutes Gefühl, es bringt einem auch wieder näher zu den Menschen und der Natur, die uns umgibt. Bader erklärt: «Wir versuchen hauptsächlich Materialien (wieder-) zu verwenden, die bereits auf der Insel sind. In unserer kapitalistischen Welt scheint das auf den ersten Blick einschränkend zu sein. Für mich ist es das Gegenteil. Es erfordert manchmal die Kreativität Alternativen zu finden. Aber es lässt einem auch bewusstwerden, was die Natur, die uns unmittelbar umgibt, alles zur Verfügung stellt. Und wenn nicht, dann beziehen wir das Material zumindest von lokalen Betrieben. Durch die täglichen Begegnungen und Austausche ist ein Netzwerk entstanden. Hier auf der Insel kennt jeder jeden. Wenn du einen unterstützt, unterstützt du indirekt alle und sie dich wiederum auch. Eine Hand wäscht die andere.»
Während der Zeit, die die Asylsuchenden auf ihren Entscheid warten, sind sie gezwungen auf Samos zu bleiben. In der SKILLS FACTORY arbeiten zurzeit ca. 25-30 Personen aus 14 verschiedenen Ländern. Einige von ihnen sind professionelle Handwerker (Schreiner, Schneider, Bauvorarbeiter, Köche), andere haben einfach mehrere Jahre in diesen Berufsfeldern gearbeitet oder entdecken hier die Freude am Beruf.
Die SKILLS FACTORY ist ein Ort, um Erfahrungen auszutauschen, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, das Handwerk wertzuschätzen und die Menschen auf den Arbeitsmarkt in Europa vorzubereiten.
Bader zum Schluss: «Uns ist bewusst, dass wir noch am Anfang unserer Arbeit stehen. Aber wir sehen hier so viel Potential – und setzen alles daran, das richtige Umfeld zu schaffen, damit die Menschen dies auch entfalten können – zum Wohl von uns allen.»
Mehr Infos zu selfm.aid unter: www.selfm-aid.ch