Zeitlose Unaufdringlichkeit

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Zeitlose Unaufdringlichkeit

 

Es gibt Architekten, von denen hört man nie etwas, aber ihrem Werk begegnet man auf Schritt und Tritt. Den Zürcher Otto Streicher (1887-1968) kann man zu dieser Kategorie zählen. Eine ungewöhnliche Werkmonographie weist auf das Vermächtnis des wenig Bekannten in der Limmatstadt hin.

Die Herausgeberin des anmutig und «entspannt» gestalteten Buches hatte eine unübliche und originelle Idee als Grundmotiv; das Inhaltsverzeichnis flankiert einem Stadtplan von Zürich, in den ein Spaziergang eingezeichnet ist. Die Kapitel sind Stationen. Es geht los im Osten der Stadt, hoch oben an der Forchstrasse. Die Wegstrecke verläuft dann entlang den Hängen des Adlis- und Zürichbergs bis zum Milchbuck, um anschliessend talwärts zur Limmat hinab zu führen und jenseits des Flusses ins Industriequartier. Den Endspurt eröffnet die Sihlporte. Von dort geht es fast zum Anfang der Bahnhofstrasse und dann seewärts den Boulevard hinab, fast bis zu dessen Ende.

Die Bauten, die man auf dem Spaziergang antrifft, sind unauffällig und in einem positiven Sinn gefällig. Sie dokumentieren den Werdegang eines beruflich erfolgreichen Architekten vom zweiten bis ins sechste Jahrzehnt des 20. Jahr-hunderts. Nach der Ausbildung am Technikum Winterthur und einer Anstellung im Büro Pfleghard und Haefeli machte sich Otto Streicher als «Vertrauensarchitekt» der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) selbständig. In späteren Jahren gab er sich privaten Bau- und Investitionsprojekten hin und betrieb an der Bahnhofstrasse eigenhändig zwei Kinos. Er musste es zu einigem Wohlstand gebracht haben, denn er gründete die STEO Stiftung zur Unterstützung von jungen Kräften in Kunst und Wissenschaft.

Das von dieser Stiftung in Auftrag gegebene Buch ist leider auch so etwas wie ihr Schwanengesang. Der kontinuierliche Rückgang der Zinserträge in den letzten Jahren hat den Stiftungsrat zu einer Beendung der STEO-Fördertätigkeiten mit dem Jubiläumsprogramm 2014/2015, fünfzig Jahre nach der Gründung, bewogen. Es ist ein eleganter Schlusspunkt, der darauf hinweist, dass dieser Architekt nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird, auch wenn ihn viele nicht «persönlich» kennen. Das in Plänen und Fotos präsentierte Werk zeigt Wohn- und Geschäftshäuser, urbane Ankerpunkte die sich durch Solidität und Zurückhaltung auszeichnen. Unvorstellbar, dass solche Liegenschaften Ersatzneubauten geopfert werden! Die Handschrift des Autors wirkt sicher, er weiss, was er will: Ruhe und Geborgenheit schaffen. Die Resultate sind stimmig. Sie nähern sich den Idealvorstellungen an, die Otto Streicher in Tuschzeichnungen festgehalten hat und einzelne Buchkapitel anführen. In ihnen erkennt man eine Grammatik gestalterischer Elemente, welche den Bezug der Häuser zu ihrer Umgebung herstellen – oder die Umgebung erst «machen». Diese Grammatik hat bis heute ihre Gültigkeit, weshalb das Buch über einen wenig aufregenden Baukünstler auch Architektinnen und Architekten wärmstens empfohlen sei.

von Manuel Pestalozzi*

Email:info@bau-auslese.ch
Webseite: http://bau-auslese.ch/Texte.html

 

2018-04-05T15:23:04+00:00 Kategorien: Planung, Zürich|Tags: |