Riom – Bergdorf im Wandel

>>>Riom – Bergdorf im Wandel

Riom – Bergdorf im Wandel

Welche Kräfte beeinflussen ein Dorf und dessen Ortsbild? Welche Handlungsstrategien lassen sich aus dem Vorhandenen entwickeln? Diesen Fragen widmet sich die vom Bündner Heimatschutz und Origen Festival Cultural gestaltete Ausstellung am Beispiel des Bergdorfes Riom und schafft damit die Grundlage für eine aktuelle Gestaltungsstudie zum öffentlichen Raum. Auch auf Branchenplattformen wie der Swissbau werden im Rahmen von Veranstaltungen neue Perspektiven für den alpinen Raum aktiv diskutiert.

Im Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS) ist Riom als Ortsbild von nationaler Bedeutung eingestuft. Gründe dafür finden sich in der Ausstellung «Riom gestalten – Fumar Riom». Das historische Zentrum einer Region, die Überhöhung durch die vorgelagerte Burg, die charakteristische Wechselwirkung zwischen kompakter Dorflage und unverbauter Hanglandschaft, das spannungsvolle und siedlungstypologische Nebeneinander zwischen der nach dem Dorfbrand 1864 entstandenen Neuanlage und dem organisch gewachsenen alten Teil, der vergleichsweise grosszügig dimensionierte Dorfplatz sowie eine Bausubstanz von teils hoher architekturgeschichtlicher Qualität.

Peripher in alpiner Brache

Den 200-Seelen-Ort treffen die typischen Probleme eines «peripher gelegenen Bergdorfes in der sogenannten alpinen Brache»: Die Jugend wandert ab, die Dorfbevölkerung überaltert. Wer hier wohnt, arbeitet meist auswärts. Von der Landwirtschaft leben nur noch wenige. Einige Häuser werden kaum genutzt oder stehen ganz leer. Seit der Gemeindefusion gibt es keine Post mehr, Schule und öffentliche Verwaltung wurden ausgelagert. «Orte wie Riom sind kaum in der Lage, aus eigener Kraft das Steuer herumzureissen», beschreibt Ludmila Seifert, Geschäftsleiterin des Bündner Heimatschutzes, die Situation. Umso wichtiger sei es, zugkräftige Motoren zu stärken. Riom hat einen solchen Motor – das Theaterfestival Origen mit seinem Stammsitz. Origen mietet oder übernimmt bestehende Bauwerke, haucht ihnen neues Leben ein. Gemeinsam wollen Heimatschutz und Origen das abseits gelegene Dorf zu einem Anziehungspunkt machen – «zum Anhalten, Verweilen und Bleiben, für Einheimische, für Besucher und die wachsende Zahl der Origen-Mitarbeiter.» Genau hier setzt die Gestaltungsstudie der beauftragten Büros an: Men Duri Arquint Architekten GmbH und Raderschallpartner AG Landschaftsarchitekten BSLA SIA haben Lösungsansätze skizziert. Einige Beispiele:

Dorfplatz und Strassenbau

Der Riomer Dorfplatz als Ausgangsort und Kreuzung aller wichtigen Wege hat seit der Neugestaltung nach dem Dorfbrand 1864 eine für Bergdörfer ungewöhnlich prägnante, streng quadratische Form. Mit dem Ausbau der Kantonsstrasse sei der Platz jedoch zerschnitten worden. Nach Vorstellung der Planer könnte ein einheitlicher Belag aus Natursteinpflaster den Begegnungsort besser hervorheben. «Der Asphaltbelag der Strasse wird für die Überfahrt des Platzes unterbrochen, alle Benutzer sind auf der Fläche gleichberechtigt. Der Platz selber wird fein terrassiert, womit insbesondere vor den Gebäuden und für den Brunnen mehr oder weniger ebene und brauchbare Flächen entstehen.» Sitzbänke rings um den Platz könnten zum Verweilen einladen, «wünschenswert wäre, eine speziell für Riom entworfene Holzbank zu verwenden». Leben könne auch durch ein Restaurant im alten Gemeindehaus entstehen oder durch einen «Ort für Produkte aus der Region». Die heute unter Asphalt verarmten Strassenränder hätten früher Kräuter und Sträucher belebt. Gekiest oder gepflastert, könnte das Grün zurückgeholt und damit zur Ortsbildqualität wie zu ökologischer Vielfalt beigetragen werden.

Wirtschaftshöfe und Schleichwege, Gärten und Parkplätze

Die typischen Riomer Wirtschaftshöfe sind ebenfalls infolge des raschen Neuaufbaus nach dem Brand entstanden. Entlang linearer Strassen wuchsen Häuser getrennt von den Ställen. Dazwischen erstrecken sich die neuen Wirtschaftsräume. Ohne Umzäunung gehen sie nahtlos ineinander über und ermöglichen ein vielfältiges Netz von Wegen und Pfaden. «Diese informell-halböffentlichen Räume bieten eine hohe Alltagsqualität», heisst es in der Gestaltungsstudie, «auch wenn inzwischen viele der Gebäude keine Landwirtschaftsbetriebe mehr sind.» Die Experten empfehlen, die offenen Hofräume zu erhalten und nicht durch Asphalt, Umzäunungen und Parkplätze umzufunktionieren.

Eine Dorfstruktur, die entstand, lange bevor Autos Einzug hielten, sei nur bedingt geeignet, Parkplätze aufzunehmen. Höfe sowie leere Ställe könnten einige Parkierungsflächen bieten. Würden dafür jedoch Gärten aufgehoben, gingen Freiräume höchster Qualität verloren. «Gärten waren historisch der einzige Ort innerhalb der Bündner Dörfer, wo Bäume gepflanzt wurden. Sie bilden bunte, vielfältige Muster im Dorfkörper.»
Durch mit Privatfahrzeugen anreisende Origen-Besucher werde der wachsende Bedarf an Parkplätzen verschärft. Die Lösung sehen die Verfasser der Studie nicht innerhalb der gewachsenen Dorfstruktur, sondern am Ortsrand. Sie schlagen vor, den bereits bestehenden Parkplatz am unteren Dorfeingang ins Gelände einzubetten, die Standflächen zu Kiesflächen zurückzubauen und so die Versiegelung zu minimieren. Zudem könnten aufgereihte Autos hinter raumgliedernden Wildheckenstreifen verborgen werden. Weitere Parkplätze, bei Bedarf gedeckt, wären am oberen Ortsrand möglich. Dabei könnte die Hangtopografie sinnvoll genutzt, Parkflächen mit Stützmauern geschaffen werden.

Dorf, Theater und Burg

Durch den Origen-Theaterbetrieb erhält auch der alte Weg zwischen Dorfkern und Burg (Spielstätte und Logo von Origen) eine neue Bedeutung. Der jedoch ist steil, teils eng, schlecht begehbar und für Ortsunkundige kaum zu erkennen. Hier könne sich ein mit ortsüblichen Flusskieseln gepflastertes Band vom Dorfplatz zur Burg erstrecken, in der Breite variieren, vom Trottoir zum Plätzchen ausweiten. Steile Bereiche sollten als Treppen oder Treppenweg mit Handlauf ausgebildet werden, begleitende Brunnen und Bänke Stationen anbieten.

Für den Werkplatz der Theatermitarbeitenden in den Bereichen Bühnenbild, Lichtdesign und Restaurant schlagen die Gestalter eine umlaufende Asphaltschleife vor. Empfohlen wird, den Platz locker mit nichtfruchtenden Kirschbäumen zu bepflanzen, die Atmosphäre schaffen, im Frühling weiss blühende Wolken bilden, im Sommer Schatten spenden und im Herbst einen bunten Blätterteppich. Der Raum dazwischen bleibe zum Werken und Spielen, für Begegnungen zwischen Einheimischen, Kunstschaffenden und Publikum.
Am Tag des offenen Denkmals haben die beauftragten Büros die Gestaltungsstudie öffentlich präsentiert. Tags zuvor hatten sie die Bevölkerung von Riom über ihre Lösungsvorschläge informiert. Ein Einwohner berichtete, wie lange man gerade über den Dorfplatz nachgedacht habe. «Doch das Gelbe vom Ei haben wir nie gefunden. Wir hatten allerdings bislang keine Spezialisten hinzugezogen.» Aussagen, die Akzeptanz versprechen – Grundlage für eine baldige Umsetzung gemeinsam mit Bevölkerung und Behörden.

Neue Perspektiven für die ganze Schweiz

Über die Hälfte der Landesfläche befindet sich im alpinen und voralpinen Raum. Die Kluft zwischen Berg und Tal, die wirtschaftlichen Entwicklungen und Themen wie Abwanderung und deren Konsequenzen beschäftigen nicht nur Riom, sondern eine Vielzahl von Gemeinden in den Bergregionen. Wie kann diese Kluft geschlossen werden? Wie schaffen wir es, gemeinsam neue Perspektiven für den alpinen Raum zu entwickeln? Inwiefern können Grundlagen, wie am Beispiel von Riom, auf weitere Gemeinden umgemünzt werden, ohne in die Identität und die Einzigartigkeit der Ortschaften einzugreifen?

Diesen und weiteren Fragen widmen sich diverse Veranstaltungen an der Swissbau 2018. Die Anlässe bieten eine Plattform für Diskussionen und ein grosses Netzwerk für den Austausch von Erfahrungen und für die Bildung des Fundaments zur langfristigen Sicherung eines gefährdeten Lebensraums. Schliesslich geht es nicht bloss um einzelne Gemeinden wie Riom, sondern um die ganze Schweiz.

Alles auf einen Blick: www.swissbau.ch
Kontakt: maximilian.grieger@swissbau.ch

 

 

2018-06-05T10:54:12+00:00 Kategorien: Baunews-Archiv|Tags: , |