Ein extremes Leben

Ein extremes Leben

Yannick Glatthard ist Vize-Weltmeister im Eisklettern. Daneben arbeitet der 19-jährige Meiringer bei der Gasser Felstechnik AG am Seil, bei seinem Lehrbetrieb als Zimmermann und als Skilehrer. Um all diese Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen, brauche es vor allem Willen. Eine Baulehre empfiehlt er trotzdem allen. Dass die Branche vor grossen Veränderungen steht und Nachwuchsförderung ein wichtiges Thema darstellt, wird an Grossanlässen wie der Swissbau deutlich. Dort wird die generationenübergreifende Zusammenarbeit zu einem Leitthema.

«Ich führe ein extremes Leben», sagt Glatthard. Denn nebst zwei bis drei Stunden Training pro Tag ist er noch auf dem Bau und auf der Skipiste tätig. Im Sommer arbeitet er bei seinem Lehrbetrieb als Zimmermann und gegen Ende des Jahres bei der Gasser Felstechnik AG am Seil. Von Januar bis März ist er ausserdem als Skilehrer engagiert. Das ist allerdings auch die Zeit, in der die meisten Wettkämpfe stattfinden. «Es ist 99 Prozent Wille, dass ich Job und Sport unter einen Hut bringe», so Glatthard. «Im Winter, wenn ich tagsüber Ski-Gäste habe, habe ich natürlich keine Zeit, um einen vereisten Wasserfall zu klettern – ausser zwischen 2 und 7 Uhr morgens. Das mache ich dann manchmal.» Doch eigentlich funktioniere dieses extreme Leben – zumindest auf lange Zeit – nicht. «Es gefällt mir, nicht zu schlafen und ständig unterwegs zu sein. Doch wenn ich dann Ende März mal eine Pause von zwei Wochen mache, merke ich, dass ich diese Pause auch wirklich nötig habe.»

Lehrlingslücke im Bau

«Mein Traumjob ist der Mix», sagt Glatthard. Denn er liebt sowohl die Arbeit als Zimmermann als auch jene am Seil oder als Skilehrer. «Eine Baulehre kann ich jedem nur empfehlen, denn es ist etwas Handfestes», meint Glatthard. So habe er immer ein Back-up, denn komplett auf den Sport setzen will er nicht. «Die Lehre als Zimmermann hat mich in der Jugend auf dem Boden gehalten und war ein guter Einstieg ins Berufsleben. Ich mag es, körperlich zu arbeiten, weil es mir eine Grundkraft gibt, die stabil ist.» Ausserdem seien auf dem Bau immer Leute gefragt. «Den Job als Zimmermann kann man auch nicht komplett neu erfinden. Das ist beispielsweise bei einer Bürolehre anders. Da ist man weg vom Fenster, wenn man 20 Jahre nicht auf dem Beruf arbeitet.»

So wie Glatthard sehen das allerdings nicht alle Jugendlichen. Letztes Jahr war das Angebot an Lehrstellen grösser als die Nachfrage. Besonders dramatisch war diese Lehrlingslücke im Baugewerbe, wo per Ende Juni 2016 rund 3000 Lehrstellen offen blieben. Deshalb haben sich mehrere Verbände – von den Gerüstbauern über die Maler und Gipser bis zu den Schweisstechnikern – zusammengeschlossen und die Website «bausinn.ch» lanciert, die sich für mehr Wertschätzung für die Schweizer Baubranche und den Berufsstolz der Baufachkräfte einsetzt. Vor allem aber soll die Website auf die über 50 spannenden Berufe im Baugewerbe mit rund 25 000 Lehrstellen aufmerksam machen.

Das ist wichtig, denn die Lehrlingszahlen werden wohl auch in den kommenden Jahren nicht nach oben zeigen, da nun die geburtenschwachen Jahrgänge in die Arbeitswelt eintreten. Der demografische Wandel wird sich also auf die Lehrlingszahlen auswirken. Immerhin zeigt das Lehrstellenbarometer, das vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation erhoben wird, dieses Jahr wieder ein wenig nach oben. Dennoch ist auch dieses Jahr das Angebot an Lehrstellen grösser als die Nachfrage, was insbesondere auch auf die Branche «Architektur und Baugewerbe» zutreffe.

Umdenken gefordert

Nicht nur Lehrlingsmangel beschäftigt die Baubranche. Die sich verändernde Gesellschaftsstruktur sorgt dafür, dass der Anteil älterer Arbeitnehmer immer grösser wird. Junge wie Glatthard werden immer seltener. Dies bedingt ein Umdenken beim betrieblichen Gesundheitsmanagement und in der Karriereplanung. Denn nur wenn die Mitarbeitenden gesund bleiben und sich ihnen in ihrem Beruf altersgerechte Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten, bleiben sie der Branche erhalten.

Dass die Branche vor einer zusätzlichen Herausforderung steht, zeigt auch die Tatsache, dass an der kommenden Swissbau 2018 eine der Focus Veranstaltungen dem Thema «Die Generationen im Spannungsfeld» gewidmet ist. Wie gehen Arbeitgeber damit um, dass die jungen Wilden mit neuen Ideen und Know-how auf eine ältere Generation treffen, die «es schon immer so gemacht hat» und den Veränderungen eher kritisch gegenübersteht?

Wasserfälle erklimmen

Es bleibt also zu hoffen, dass mehr Jugendliche dem Beispiel von Yannick Glatthard folgen und «etwas Handfestes» wählen. Und zu hoffen bleibt auch, dass der Meiringer weiterhin fit bleibt und Erfolge feiern kann, auch wenn diese für ihn nicht im Vordergrund stehen. «Für mich stellt das Eisklettern vor allem eine wunderschöne Art dar, wie man sich im Winter auf den Wasserfällen bewegen kann. Das ist immer anders und fasziniert mich», meint er bescheiden. Und genau deshalb wäre ihm der Weltmeistertitel 2019 zu gönnen.

Alles auf einen Blick: www.swissbau.ch
Kontakt: maximilian.grieger@swissbau.ch

 

 

2018-06-05T10:54:00+00:00 Kategorien: Baunews-Archiv|Tags: , , |