Wenn die Wohnung mit den Menschen mitwächst

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Wenn die Wohnung mit den Menschen mitwächst

 

Die Gesellschaft ist im Umbruch. Die Menschen werden immer älter; allerdings immer später. Der Megatrend «Silver Society» zeichnet sich ab: Die Menschen altern anders und lösen sich von traditionellen Altersrollen. Dies stellt unter anderem die Wohnungswirtschaft vor grosse Herausforderungen. «Flexibel» lautet das Schlagwort der Zukunft. Doch nebst smarten Raumstrukturen sind auch Innenausbau, insbesondere im Bad und in der Küche, Design und Gestaltung gefordert.

Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten; ganz Europa steht vor grossen Veränderungen. Zu beobachten sind Überalterung, eine steigende Anzahl Migranten und gleichzeitig eine Abnahme der Bevölkerungszahl. 2030 wird in Europa rund ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Die Überalterung der Gesellschaft bringt den Trend «Silver Society» mit sich. Dies bedeutet, dass der Alterungsprozess der Menschen immer später beginnt, dass sie anders altern und sich von den traditionellen Alters- bzw. Seniorenrollen lösen. Dies hat Auswirkungen auf die verschiedensten Bereiche: Gesundheitssysteme, Bildung, Mobilität oder urbane Entwicklung sind einige davon. Nicht zu unterschätzen sind die Auswirkungen auf die Wohnsituationen. So besteht beispielsweise zunehmend der Wunsch, so lange wie möglich im eigenen Heim zu wohnen.

Die Wohnung wächst mit

Der Wohnungsbau verlangt nach flexiblen Lösungen, die auf die neuen Bedürfnisse der Gesellschaft eingehen. So sollen Wohnungen mühelos vergrössert und verkleinert werden, beispielsweise wenn eine Familie Nachwuchs bekommt oder wenn ein Homeoffice eingerichtet werden soll. Aber auch dann, wenn die Kinder ausziehen und die Bewohner älter und physisch unflexibler werden. Genau diese Flexibilität der Wohnstrukturen ermöglicht es, so lange wie möglich in der trauten Umgebung bleiben zu können. Auch der Innenausbau ist gefordert: Insbesondere Küche und Bad müssen so gestaltet werden, dass sie sich den Bedingungen möglichst flexibel anpassen lassen. Dabei spielt Technologie nicht mehr die Hauptrolle; gefragt sind smarte Konzepte, die mit den Lebenssituationen der Bewohner mitwachsen.

Die Küche von morgen

Die funktionale Rolle von Küche und Bad hat sich im Laufe der Zeit verändert. Dies widerspiegelt sich beispielsweise in den offenen Wohn-, Ess- und Kochbereichen wie auch immer mehr in der Raumgestaltung integrierter Badezimmer. Die Veränderung hin zum offenen Grundriss einer Küche ist klar aus dem Wandel der Rollenbilder herzuführen. So sind heutzutage Küchen nicht mehr nur für eine einzige Person konzipiert, die auf kleinstem Raum alles in Griffnähe haben sollte. «Es ist fast wieder wie im Bauernhaus oder in den alten Schlössern von damals: Die Küche ist ein Ort der Begegnung, mit viel Platz und Wärme, um soziale Kontakte pflegen zu können», ergänzt Alain Bühler, Präsident des Verbands Küche Schweiz.

Im Hinblick auf die älter werdende Gesellschaft, die gerne so lange wie möglich zu Hause wohnen möchte, sind praktische Lösungen gefragt. «Arbeitsflächen sind verstellbar oder es wird ein Ort eingerichtet, an dem sitzend gearbeitet werden kann. Die am häufigsten genutzten Geräte, wie beispielsweise der Geschirrspüler, sollten auf einer idealen Höhe montiert als Schublade ausgebaut werden oder mit Hebebeschlägen ausgerüstet sein», führt Alain Bühler weiter aus. Und falls bei all den funktionalen Lösungen doch mal ein Unfall passieren sollte, kommt der sensorgesteuerte Boden zu Hilfe, der beispielsweise einen Sturz registriert und sofort an eine Notfallzentrale weiterleitet. Doch die Zukunftsszenarien für die Küche gehen noch viel weiter. So soll die Küche künftig zum Kommunikationszentrum werden. Der Kühlschrank meldet automatisch, wenn keine Milch mehr vorhanden ist, oder schlägt Rezepte und die dazugehörige Einkaufsliste vor. Was heute noch Spielereien scheinen, gehört morgen zu den smarten Konzepten. Die Küche als Rezyklierzentrum ist eine weitere smarte Entwicklung. So sind moderne Küchensysteme beispielsweise mit Kompostieranlagen ausgestattet und könnten damit einen Teil der benötigten Energie selbst produzieren. «Einige dieser Innovationen werden wir bereits anlässlich der Swissbau im Januar 2018 zeigen können», freut sich Alain Bühler.

Mein Bad, mein Gesundheitszentrum

Auch das Badezimmer soll praktischer und selbstverständlich smarter werden. So arbeiten Badezimmerplaner bereits seit Jahren daran, die Digitalisierung in diesen Raum zu bringen: von der smarten Dusche, die verschiedene Regenarten, Lichter und Düfte bietet, bis zum Gesundheitsspiegel, der den Körper seines Betrachters scannt und auf Veränderungen oder Anomalien aufmerksam macht. Die Gesundheit wird in der Zukunft – wie bereits heute – eine ganz besondere Rolle spielen. Die sogenannten Healthness-Badezimmer werden quasi zum persönlichen Gesundheitszentrum. Dabei registrieren verschiedene Elemente Körper- und Vitaldaten und bereiten sie für den Bewohner auf. Von Speichelinformationen auf der Zahnbürste über Gewichtskontrolle auf dem Spiegel bis zu Urinwerten aus dem WC: das Badezimmer hat das Potenzial für Gesundheitsdiagnostik und professionelle Vorsorge.

Wichtig ist, die Elektronik im Bad simpel zu halten. Das Badezimmer ist und bleibt ein Ort des Rückzugs und der Entspannung. Körperreinigung und Wohlbefinden stehen hier im Vordergrund.

In eine ähnliche Richtung entwickelt sich das sogenannte Multi-ID-Badezimmer, das sich den Ansprüchen seiner Bewohner automatisch anpasst. So wird beispielsweise die Höhe eines Lavabos oder eines WCs automatisch reguliert. «Bäder werden bereits bei der Planung den veränderten Bedürfnissen angepasst und barrierefrei gestaltet. Das bedeutet, dass die Türen breiter werden, Duschen mit Sitzgelegenheiten die Badewannen ersetzen und helle, raumausleuchtende Spiegelschränke wie auch Vergrösserungsspiegel zur Grundausstattung eines modernen Bads gehören», ergänzt Martin Scholl, Vizepräsident Schweizerischer Grosshandelsverband der Sanitären Branche (SGVSB). Bei den Baustoffen liegen natürliche und rezyklierbare Materialien wie Holz, Stein oder Lehm im Trend. Innovativ sind auch selbstreinigende Oberflächen, die beispielsweise wasserabweisend sind. «Betreffend Materialien wird sich in den nächsten Jahren sicherlich noch Einiges verändern. Das Badezimmer soll nicht nur in Bezug auf den Lebenszyklus der Menschen nachhaltig sein, sondern auch im Umgang mit den Ressourcen», schliesst Martin Scholl ab.

Design für alle, nicht nur für Ältere

Die Senioren erhalten einen festen Platz in der Wohnungsbranche; dabei darf Design und Gestaltung nicht vergessen werden. Dies wurde unter anderem am diesjährigen Design Preis Schweiz gezeigt, der zum ersten Mal den «Design Leadership Prize: Focus Ageing Society» ins Leben rief und Projekte auszeichnete, die sich der älter werdenden Gesellschaft widmen. Denn nebst smarten Wohnkonzepten sind auch Design und Innenausbau gefordert. Die Silver Society soll von Designern und der gesamten Lifestyle-Domäne nicht länger ignoriert oder in vorfabrizierte Denkkonstrukte geschoben werden. Sie wird immer grösser, heterogener und bleibt länger fit und interessiert. «Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass wir Lösungen brauchen, die Barrieren abbauen und für alle attraktiv sind, nicht nur für ältere Menschen. Die Zielgruppe wird grösser, und so muss man auch Produktdesign und Innenausbau dementsprechend erweitern», erklärt Michel Hueter, Kurator Design Preis Schweiz. Wie barrierefreies Design für alle aussehen kann, wird unter anderem an der Swissbau 2018 gezeigt.

Alles auf einen Blick: www.swissbau.ch
Kontakt: maximilian.grieger@swissbau.ch

 

 

2018-02-15T13:40:23+00:00 Kategorien: Inneneinrichtung|Tags: , , |