Lichtplanung ist mehr als Energieeffizienz

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Lichtplanung ist mehr als Energieeffizienz

Swissbau – Mit Human Centric Lighting gehen Lichtplaner neue Wege. Fragen der biologischen Wirkung von Kunstlicht rücken in den Mittelpunkt. Aber noch ist nicht klar, was Gold ist und was nur glänzt. Als gesichert gilt hingegen, dass Tageslichteintrag in architektonischen Entwürfen nach wie vor nicht fehlen darf.

Ein neues Schlagwort hat sich in der Lichttechnik über die letzten Jahre zunehmend Gehör verschafft: Human Centric Lighting (HCL). Es bezeichnet Leuchten und Lichtkonzepte, die den biologischen Wirkungen des Lichts Rechnung tragen. Die Fachwelt bevorzugt den präziseren Begriff «melanopische Wirkung». Dieser weist darauf hin, dass es nicht um alle vom Licht beeinflussten biologischen Prozesse geht. Vielmehr befasst sich HCL mit jenen Lichtwirkungen, die auf die Aktivierung des lichtempfindlichen Moleküls Melanopsin zurückgehen. Melanopsin liegt in Fotorezeptoren vor, die über die gesamte Netzhaut verteilt und vor allem in der unteren Augenhälfte vorkommen. Das Molekül ist besonders empfindlich auf die Blauanteile von Licht und regelt beim Menschen den Schlaf-Wach-Rhythmus.
Seit der Entdeckung von Melanopsin und seiner Wirkung um die Jahrtausendwende ist unter den Herstellern ein Rennen darum entbrannt, den Markt mit Leuchtmitteln zu besetzen, die eine optimale melanopische Wirkung erzielen. Ihr Vorbild: Tageslicht. Die neuen HCL-Lampen sind denn auch Versuche, Tageslicht ab Werk herzustellen. Mathias Wambsganss, Professor für Lichtgestaltung, Lichttechnik und Gebäudetechnologie an der Hochschule Rosenheim in Deutschland, weist darauf hin, dass mit HCL eine Ära endet, in der sich Lichttechniker primär und fast ausschliesslich um Energieeffizienz kümmerten. Heute, vor dem Hintergrund der neusten Erkenntnisse, sei Lichtplanung weitaus komplexer. Neben Lichtstärke und Farbe der Leuchte spielt auch deren neuerdings mögliche Anpassung im Tagesverlauf eine Rolle. Auch auf die Wahl zwischen Punktquellen und flächigen Leuchten gelte es zu achten. Oder auf die Frage nach der idealen Farbe der Wände und Decken, die ebenfalls die Wahrnehmung des Lichts mitbestimmen.

Positives Nutzen-Aufwand-Verhältnis
Manche Spezialisten sehen noch Lücken im Verständnis der melanopischen Wirkung von Licht. Es sei daher vermessen, Beleuchtungskonzepte nach HCL zu erstellen, als handle es sich um gesichertes Wissen. Wambsganss hat es trotz aller Vorbehalte mit seinem eigenen Lichtplanerbüro gewagt. In Deutschland hat er bereits die Innenraumbeleuchtung von zwei Altenheimen in der Form von Pilotprojekten realisiert.

Auch Uwe Belzner von dem Beratungs- und Planungsbüro Lenum AG in Liechtenstein wendet die Grundkonzepte des Human Centric Lighting bereits seit vielen Jahren an. Vor allem in Altenheimen und Schulen ist Belzner auf offene Ohren vonseiten der Bauherren gestossen. Dies obwohl Human Centric Lighting in der Regel zusätzliche Planungskosten und einen höheren Energieverbrauch zur Folge hat. Die Gründe hierfür liegen in der höheren Lichtintensität pro Quadratmeter, die HCL voraussetzt. In Kindergärten und Schulen brauchte es diese stärkere Beleuchtung, um die Konzentration der Kinder in den frühen Morgenstunden zu steigern. In Altenheimen bezwecke man mit der höheren Lichtintensität hingegen das Ankurbeln des Stoffwechsels oder mehr Sicherheit für die Heimbewohner. Wenn der Lernerfolg der Schüler gesteigert oder nur ein Sturz im Altenheim verhindert werde, seien die Mehrkosten aber vertretbar.

Wambsganss ist von den Vorzügen von HCL überzeugt, warnt aber vor übertriebener Euphorie. «Wir dürfen über die Begeisterung, welche die technischen Fortschritte der letzten Jahre ausgelöst haben, nicht vergessen, dass selbst die besten Leuchten kein perfektes Imitat von Tageslicht sind.» Die neuen Leuchten seien eine Ergänzung, aber kein Ersatz für architektonische Entwürfe, die in Wohn- und Arbeitsräumen auf eine Optimierung des Tageslichteintrags abzielen.

Egal, ob in den Wohnräumen, im Bad oder in der Küche – im Innenausbau spielen Lichtkonzepte, die das Wohlbefinden der Gebäudenutzer ausreichend berücksichtigen, eine zentrale Rolle. Ent-sprechend nimmt sich die Swissbau 2018 des Themas gleich mehrfach an. In der Halle 2 Innenausbau ist Lichtplanung im Rahmen der Raumwelten ein Schwerpunkt. Im Veranstaltungs- und Netzwerkformat Swissbau Focus widmen sich verschiedene Veranstaltungen dem Innenausbau aus verschiedenen Blickwinkeln.

Webseite: www.swissbau.ch

2018-06-20T15:42:56+00:00 Kategorien: Innenausbau|Tags: , , , , |